11. Fachtag Pflege in der Gerontopsychiatrie "Heiter bis wolkig"

 „Arbeiten mit Menschen mit Demenz ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die unsere Gesellschaft zu vergeben hat!“ Tom Kitwood
Jeder Tag in der Begleitung von Menschen mit Demenz steckt voller Überraschungen, Begegnungen mit intensiven Emotionen und geforderten Bedürfnissen, eine Reise zwischen erlebter Gegenwart und entrückter Vergangenheit.
Im Fokus des 11. Fachtages "Pflege in der Gerontopsychiatrie" von der allgäu akademie stand deshalb die Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz in schwierigen Alltagssituationen.
Die 150 Teilnehmenden erhielten in interessanten Vorträgen einen Überblick zum aktuellen Stand der Forschung und Praxis im Umgang mit herausforderndem Verhalten bei dementiell erkrankten Menschen. 

„Wenn die Erinnerungen wieder lebendig werden“

Zu Beginn der Tagung erklärte die Traumaexpertin Martina Wittmann, dass Erinnerungen für dementiell erkrankte Menschen eine große Ressource darstellen und für die Alltagsbegleitung sehr gut genutzt werden können. Sie gab aber zu bedenken, dass Erinnerungen auch genau das Gegenteil bewirken, wenn sie an ein traumatisches Ereignis für die Person gekoppelt sind. Ihrer Meinung nach müssen sich Betreuende und Pflegende ein Grundwissen über traumatisierende Situationen aneignen, weil Menschen mit Demenz ab einem bestimmten Stadium ihrer Erkrankung keine Möglichkeit mehr haben, sich diesen Erinnerungen zu entziehen.

Körperpflege ohne Kampf

Der Schlüsselmoment für abwehrendes Verhalten ist für die Dipl. Sozialpädagogin Karin Stöcker die Aufforderung, sich zu baden, zu waschen oder zu duschen. Ihrer Meinung nach entscheidet sich schon hier, ob Kampf ja oder nein. Viele Menschen mit Demenz verstehen diese Aufforderung nicht mehr. Aus dem daraus resultierenden Abwehrverhalten entsteht leicht ein Kampf, in dem es keine Gewinner geben kann. Pflegende sollten deshalb nach individuellen Strategien zur Vermeidung suchen. Zum Ende des Vortrags wurden von ihr  verschiedenste  in der Praxis erprobte kreative und zum Teil sehr originelle Lösungen zur Vermeidung des Kampfes vorgestellt.

Schreien und Rufen bei Menschen mit Demenz

Im letzten Vortrag des Vormittags stellte der Pflegewissenschaftler Dr. Hans-Werner Urselmann das Phänomen des Schreiens und Rufens von Menschen mit Demenz aus wissenschaftlicher Sicht vor. Er plädierte dafür, dass Menschen mit Demenz ein Recht auf Schreien und Rufen haben. Gleichzeitig betonte er, entstünde mit diesem Recht aber bei den Mitbewohnern, Pflegenden oder Angehörigen die Wahrnehmung von Unerträglichkeit. Deshalb benötigen vor allem Pflegende hier eine besondere Unterstützung wie etwa eine pflegewissenschaftliche Fachbegleitung.

Lügen und Menschen mit Demenz

Im ersten Vortrag am Nachmittag stellte sich Prof. Dr. Veronika Schraut der Frage, sind Lügen bei Demenz erlaubt und hilfreich. Ihrer Meinung nach sollten wir versuchen ohne Lügen auszukommen. Erst wenn alle anderen therapeutischen Interventionen ausgeschöpft sind, ist die „therapeutische Lüge“ erlaubt. Zudem sollten wir uns  immer die Frage stellen: Geht es jemandem schlecht, mit dem, was ich sage bzw. tue?

Das demenz-balance-Modell©

Im letzten Vortrag stellte die Demenzexpertin Barbara Klee-Reiter das von ihr entwickelte demenz-balance-Modell© vor.  Dieses Konzept versucht durch Selbsterfahrung Menschen mit Demenz besser verstehen zu können. Barbara Klee-Reiter führte auch einen Ausschnitt ihrer Methode mit den Teilnehmenden praktisch durch. Damit konnten die Anwesenden einen kurzen Einblick in das Erleben und die Gefühlswelt von Menschen mit Demenz gewinnen.